Datum: 11.03.2025

Taunusgymnasium Königstein: SegeLn als innovatives pädagogisches Konzept

Am Königsteiner Taunusgymnasium gehen die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe SegeLn – und das gleich mehrfach die Woche, nämlich dann, wenn Deutsch, Englisch oder Mathe auf dem Stundenplan steht. Jetzt spielt Sport im Profil der Schule zwar eine bedeutende Rolle, aber so weit, dass man deswegen die Hauptfächer ausfallen lässt, geht es dann doch nicht. Hinter SegeL verbirgt sich vielmehr ein ausgeklügeltes pädagogisches Konzept über das das Schulprofil Aufschluss gibt. Denn dort ist SegeL fest verankert und steht für selbstgesteuertes Lernen. Mit anderen Worten: Den Schülerinnen und Schülern soll eigenverantwortliches Lernen vermittelt werden.

„Wir haben am Ende der Corona-Zeit und den damit verbundenen Schulschließungen gemerkt, dass einige Schülerinnen und Schüler nicht in der Lage waren, sich in der Situation des Distanzunterrichts selbst zu organisieren“, berichtet Schulleiterin Beate Herbst, wie es zur Entwicklung des SegeL-Konzepts kam. Und, wenn man ehrlich sei, müsse man sich als Schule eingestehen, dass man sie auch nicht im Vorfeld dazu befähigt habe. „Wir waren es daher unseren Schülerinnen und Schülern schuldig, sie zur Selbstverantwortung zu erziehen und sie zukunftsfähig zu machen. Dazu müssen wir ihnen entsprechende Lernstrategien und –Methoden an die Hand zu geben“, so die Schulleiterin. „Das bedeutet auch, dass wir wegkommen von einem Unterricht, in dem nur konsumiert wird, was die Lehrkraft erzählt.“

Beginn im Sommer 2023

Im Sommer 2023 begann mit einem sehr engagierten Team aus Lehrkräften der erste SegeL-Unterricht für die 5. Klassen. Da sich das Prinzip bewährt hat, soll es nun jahrgangsweise erweitert werden. Derzeit wird in der Unterstufe acht Wochenstunden „gesegelt“: drei Stunden Mathe, drei Stunden Deutsch, zwei Stunden Englisch. Hierfür bekommen die Schülerinnen und Schüler Aufgabenblätter, die sie in einem festgelegten Zeitraum von zwei bis drei Wochen in den so genannten SegeL-Stunden bearbeiten müssen. Ein Mit-nach-Hause-Nehmen der Blätter und dort machen ist nicht erlaubt. „Wir wollen sehen, ob die Schülerinnen und Schüler den zuvor im Unterricht vermittelten Lerninhalt verstanden haben, ihn anwenden und sich sogar selbstständig Lernstoff aneignen können“, erläutert Schulleiterin Herbst. Wie die Schülerinnen und Schüler di SegeL-Stunden gestalten, bleibt ihnen selbst überlassen. Sie können in einen eigens eingerichteten Stillarbeitsraum gehen, gemeinsam an Lerninseln den Stoff durchgehen oder in einem Klassenraum arbeiten. Pro Klasse steht dabei immer ein Lehrer zur Verfügung, der Hilfestellungen geben kann, wenn es mit dem Verständnis hapert. Alle Lerninhalte der Klassen sind daher gleich und entsprechend aufeinander abgestimmt, so dass eine Lehrkraft beim SegeLn als Ansprechpartner für alle Schülerinnen und Schüler dienen kann. Das bedeutet übrigens auch, dass alle Klassenarbeiten identisch sind.

Was zunächst nach Lernen mit großem Freiraum klingt, ist tatsächlich Lernen innerhalb klar angegrenzter Leitlinien. So muss jede Schülerin und jeder Schüler vor Beginn der SegeL-Stunde in seinem Logbuch, einer Art Hausaufgabenbuch, eintragen, welche Aufgaben er heute erledigen möchte und am Ende der Stunde vermerken, ob das geklappt hat oder nicht und wo die Probleme lagen. Am Ende der Woche folgt noch eine Wochenreflexion, wo jeder angeben muss, was er diese Woche erreicht hat, worauf er stolz ist, aber auch, wo er seiner Meinung nach Hilfe braucht und was für ihn in der nächsten Woche wichtig ist. „Es ist mitunter erstaunlich, was dabei herauskommt. Dann stellen die Schülerinnen und Schüler nämlich fest, dass der beste Freund möglicherweise gar nicht der beste Lernpartner ist, weil man sich zu leicht ablenken lässt“, berichtet die Schulleiterin aus der Praxis. Schafft ein Schüler das SegeL-Pensum nicht, setzen sich Lehrer und Schüler zusammen und schauen, woran es gelegen hat.

Kennenlernen der eigenen Stärken und Schwächen

Zwei Mal im Halbjahr gibt es ein individuelles Lernentwicklungsgespräch mit dem Lehrer oder der Lehrerin. Auch hierauf muss sich die Schülerin oder Schüler vorbereiten und sich selbst einschätzen. Auf welchen Lernerfolg ist man besonders stolz? Wie schätzt man selbst seine Lernkompetenz ein? Das sind Fragen, die jeder selbst beantworten und ins Logbuch eintragen soll und muss, bevor er in das Gespräch geht. „Wir fordern unsere Schülerinnen und Schüler zur Selbstreflexion auf, damit sie ihre Stärken und Schwächen kennenlernen und einschätzen können und auch selbst an den Schwächen arbeiten können“, so Herbst.
Damit dieses Konzept funktioniert, hat der Hochtaunuskreis als Schulträger in den vergangenen Jahren einiges im Taunusgymnasium umgebaut. Einzelarbeitsplätze und Stillräume sind entstanden und ausgestattet worden, ebenso die beliebten Lerninseln, die fast so wirken wie Eisenbahn-Abteile. Es sei nicht nur eine Umstellung für die Schülerinnen und Schüler gewesen, sondern auch für die Lehrkräfte. Die Betreuung sei individueller und damit aufwendiger geworden. „Wir haben dafür die einzelnen Kinder nun viel besser im Blick“, sagt Herbst.

Abgeschlossen ist das SegeL-Konzept am Taunusgymnasium noch lange nicht. „Wir entwickeln es weiter“, sagt Herbst. So sei beispielsweise der Mathe-Plan anfangs nicht optimal gewesen. Da habe man jetzt nachgesteuert. Die Reaktion der Eltern auf das pädagogische Konzept sei sehr positiv, auch den meisten Schülerinnen und Schülern gefalle es, da sie in ihrem eigenen Tempo lernen können. Die Schulleiterin räumt aber auch ein, dass vor allem stärkere Schülerinnen und Schüler gut mit dem System zurechtkommen. Das ist für die Schulleiterin auch in Ordnung: „Wir sind schließlich ein Gymnasium.“

Landrat Ulrich Krebs, der sich ein Bild von dem neuen pädagogischen Konzept der Schule machen wollte, zeigt sich sehr angetan. „Unsere Gesellschaft und unsere Technik verändern sich rasend schnell. Wir müssen uns immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen. Umso wichtiger ist es, jungen Menschen das Rüstzeug an die Hand zu geben, wie sie eigenverantwortlich in einer komplexer werdenden Welt handeln können.“

zurück
Seite als PDF anzeigennach oben